Woche 1 · Lektion 1 von 12
Was der Befund ist und wie du ihn erhebst
Der psychopathologische Befund ist eine Momentaufnahme. Er beschreibt, was du im Gespräch an einem Menschen beobachtest und was er dir über sein Erleben berichtet. Er ist noch keine Diagnose. Aus dem Befund, der Vorgeschichte und dem Verlauf entsteht erst später die Verdachtsdiagnose nach ICD-10.
Damit alle dasselbe meinen, gibt es eine einheitliche Fachsprache. In Deutschland ist das das AMDP-System (Arbeitsgemeinschaft für Methodik und Dokumentation in der Psychiatrie). Das Manual ist die maßgebliche Quelle für alle Definitionen in diesem Block (AMDP 2018). Die Prüfungsfragen benutzen fast immer diese Begriffe. Wenn du sie sicher kannst, löst du einen großen Teil der 28 Fragen allein über die Begriffe.
Die Bereiche des Befunds
Du gehst im Kopf immer dieselbe Liste durch. Die Reihenfolge hilft dir in der mündlichen Prüfung, nichts zu vergessen.
| Bereich | Kernfrage | Lektion |
| Bewusstsein | Ist die Person wach und klar? | 1.2 |
| Orientierung | Weiß sie, wann, wo und wer sie ist? | 1.3 |
| Aufmerksamkeit und Gedächtnis | Kann sie folgen, sich etwas merken, sich erinnern? | 1.4, 1.5 |
| Antrieb und Psychomotorik | Wie viel Energie, wie bewegt sie sich? | 1.6 |
| Formales Denken | Wie denkt sie: Tempo, Zusammenhang? | 2.1 |
| Inhaltliches Denken | Was denkt sie: Wahn, Zwang, Befürchtungen? | 2.2 |
| Wahrnehmung | Nimmt sie etwas wahr, das nicht da ist? | 2.3 |
| Ich-Erleben | Sind die Grenzen zwischen Ich und Welt intakt? | 2.4 |
| Affektivität | Wie ist die Stimmung, passt der Ausdruck? | 2.5 |
| Suizidalität und Eigen- oder Fremdgefährdung | Ist jemand in Gefahr? | Block 4 |
Beobachten und Erfragen
Manches siehst du direkt, etwa Unruhe, eine starre Mimik oder ob jemand ständig das Thema verliert. Anderes erfährst du nur durch Fragen, zum Beispiel Stimmen oder Gedanken, die von außen eingegeben werden. Viele Betroffene sprechen solche Erlebnisse nicht von sich aus an. Du musst also gezielt und ohne Wertung fragen.
„Manche Menschen erleben in belastenden Zeiten, dass sie Stimmen hören, obwohl niemand im Raum ist. Kennen Sie so etwas?“
Prüfungsfalle
Ein Symptom allein ergibt keine Diagnose. Fast jedes Symptom kann organisch bedingt sein. Bevor du an eine rein psychische Ursache denkst, muss eine körperliche Ursache ärztlich ausgeschlossen sein. Diese Haltung prüft das Gremium in jeder mündlichen Prüfung.
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Was unterscheidet einen Befund von einer Diagnose?
Der Befund beschreibt die aktuell beobachteten und berichteten Auffälligkeiten. Die Diagnose ordnet sie unter Einbezug von Vorgeschichte, Verlauf und körperlicher Abklärung einer Störung nach ICD-10 zu.
Nenne die Befundbereiche in der richtigen Reihenfolge.
Bewusstsein, Orientierung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis, Antrieb und Psychomotorik, formales Denken, inhaltliches Denken, Wahrnehmung, Ich-Erleben, Affektivität, Gefährdung.
Woche 1 · Lektion 2 von 12
Bewusstsein
Beim Bewusstsein unterscheidest du zwei Fragen. Wie wach ist jemand? Das ist die quantitative Seite, auch Vigilanz genannt. Wie klar ist das Erleben? Das ist die qualitative Seite. Eine Person kann hellwach und trotzdem völlig verwirrt sein.
Quantitative Störungen: weniger wach
| Stufe | Was du siehst |
| Benommenheit | Verlangsamt, schwer besinnlich, reagiert aber auf Ansprache |
| Somnolenz | Schläfrig, schläft immer wieder ein, durch Ansprache leicht weckbar |
| Sopor | Tiefschlafähnlich, nur durch starke Reize wie Schmerz weckbar |
| Koma | Nicht mehr weckbar, auch nicht durch Schmerzreize |
Eselsbrücke für die Reihenfolge: Bitte Schnell Sofort Kommen. Benommenheit, Somnolenz, Sopor, Koma.
Qualitative Störungen: weniger klar
- Bewusstseinstrübung: Denken und Handeln sind verworren, die Person versteht ihre Lage nicht mehr. Das Leitsymptom des Delirs, in der ICD-10 unter F05 beschrieben.
- Bewusstseinseinengung: Das Erleben ist auf wenige Inhalte eingeschränkt, die Person reagiert kaum auf die Umgebung, kann aber geordnet wirkende Handlungen ausführen. Beispiel ist der Dämmerzustand, etwa nach einem epileptischen Anfall.
- Bewusstseinsverschiebung: Das Erleben wirkt gesteigert, intensiver, wie erweitert. Beispiel sind Halluzinogene.
Warum das für dich so wichtig ist
Jede Bewusstseinsstörung spricht für eine körperliche Ursache, bis das Gegenteil bewiesen ist: Infekt, Vergiftung, Unterzucker, Schlaganfall, Entzug. Für dich heißt das sofort ärztliche Hilfe holen, bei sinkender Wachheit den Notruf 112.
Prüfungsfalle
Fragen mischen gern quantitative und qualitative Störungen. Somnolenz, Sopor, Koma und Benommenheit sind immer quantitativ. Trübung, Einengung und Verschiebung sind immer qualitativ.
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Jemand reagiert nur noch auf einen Kneifreiz. Welche Stufe?
Sopor. Bei Somnolenz reicht Ansprache, im Koma hilft auch Schmerz nicht mehr.
Bei welcher Erkrankung ist die Bewusstseinstrübung Leitsymptom?
Beim Delir, zum Beispiel nach einer Operation, bei Infekten im Alter oder im Alkoholentzug.
Woche 1 · Lektion 3 von 12
Orientierung
Orientierung heißt, dass jemand weiß, wo er in Zeit, Raum und Lebenslage steht. Geprüft werden vier Qualitäten.
| Qualität | Beispielfrage |
| Zeitlich | „Welches Datum haben wir heute? Welche Jahreszeit?“ |
| Örtlich | „Wo sind wir hier gerade?“ |
| Situativ | „Was machen wir beide hier? Warum sind Sie gekommen?“ |
| Zur Person | „Wie heißen Sie? Wann sind Sie geboren?“ |
Bei zunehmender Desorientierung geht meist zuerst die zeitliche Orientierung verloren, dann die örtliche und situative. Die Orientierung zur eigenen Person bleibt am längsten erhalten. Wer nicht mehr weiß, wie er heißt, ist in der Regel schwer krank.
Wo Desorientierung vorkommt
Desorientierung ist ein typisches Zeichen organischer Störungen: Delir, Demenz, Korsakow-Syndrom, Vergiftungen. Bei Schizophrenie oder Depression sind die Betroffenen in der Regel orientiert.
Ein Sonderfall ist die doppelte Orientierung bei Menschen mit Wahn. Ein Mann weiß, dass er in einer Klinik in Landshut ist, und ist gleichzeitig überzeugt, in Wahrheit ein König in seinem Palast zu sein. Beides steht nebeneinander.
Prüfungsfalle
„Bei Schizophrenie besteht typischerweise eine Desorientierung“ ist falsch. Desorientierung lenkt den Verdacht auf eine organische Ursache.
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Welche Orientierungsqualität fällt meist zuerst aus?
Die zeitliche.
Ein Klient ist zeitlich desorientiert und hört Stimmen. Woran denkst du zuerst?
An eine organische Ursache wie ein Delir. Ärztliche Abklärung ist zwingend.
Woche 1 · Lektion 4 von 12
Aufmerksamkeit und Konzentration
Hier geht es darum, ob jemand Informationen aufnehmen und bei einer Sache bleiben kann. Das AMDP unterscheidet zwei Störungen.
- Auffassungsstörung: Die Person erfasst die Bedeutung von Gesagtem oder von Situationen nicht richtig. Ein einfaches Sprichwort wird zum Beispiel nicht verstanden oder wörtlich genommen.
- Konzentrationsstörung: Die Person kann ihre Aufmerksamkeit nicht ausdauernd auf eine Aufgabe richten. Sie verliert den Faden und braucht viel länger.
So prüfst du im Gespräch
- Serielle Subtraktion: „Rechnen Sie bitte von 100 immer 7 ab.“ (93, 86, 79 …)
- Wochentage oder Monate rückwärts aufzählen lassen.
- Ein Wort rückwärts buchstabieren lassen.
- Ein Sprichwort erklären lassen: „Was bedeutet: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm?“
Wo es vorkommt
Konzentrationsstörungen sind unspezifisch. Sie kommen bei Depression, Angst, Erschöpfung, ADHS, Demenz und Delir vor. Allein helfen sie dir also kaum bei der Diagnose. Sie sind aber ein wichtiger Hinweis auf Leidensdruck. Depressive Menschen klagen zum Beispiel oft, sie könnten keine Zeitung mehr lesen.
Prüfungsfalle
Konkretismus, also das wörtliche Verstehen von Sprichwörtern, gilt als Hinweis auf eine Auffassungsstörung. In Fragen taucht er oft im Zusammenhang mit Schizophrenie oder Intelligenzminderung auf.
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Nenne zwei einfache Tests für die Konzentration.
Zum Beispiel 100 minus 7 fortlaufend und Wochentage rückwärts.
Ist eine Konzentrationsstörung typisch für eine bestimmte Erkrankung?
Nein, sie ist unspezifisch und kommt bei vielen Störungen vor.
Woche 1 · Lektion 5 von 12
Gedächtnis
Für den Befund brauchst du zwei Zeitfenster.
- Merkfähigkeit: neue Informationen über etwa zehn Minuten behalten. Du nennst drei Begriffe (zum Beispiel Apfel, Tisch, Pfennig) und fragst sie später wieder ab.
- Langzeitgedächtnis: länger zurückliegende Inhalte abrufen, etwa den Ort der Hochzeit oder den früheren Beruf.
Bei Demenzen ist zuerst die Merkfähigkeit gestört. Die alten Erinnerungen bleiben oft lange erhalten. Deshalb erzählt eine demenzkranke Frau lebhaft von ihrer Kindheit, weiß aber nicht mehr, ob sie heute schon gegessen hat.
Amnesien
| Form | Erinnerungslücke betrifft | Beispiel |
| Retrograd | die Zeit vor dem Ereignis | Nach einem Sturz fehlt die Stunde davor |
| Kongrad | die Zeit des Ereignisses selbst | Bewusstlosigkeit |
| Anterograd | die Zeit nach dem Ereignis | Neues kann nicht mehr eingespeichert werden |
Konfabulationen und Paramnesien
Konfabulationen füllen Gedächtnislücken mit Einfällen, die die Person selbst für echte Erinnerungen hält. Sie lügt also nicht. Typisch ist das Korsakow-Syndrom, häufig nach langem Alkoholkonsum mit Vitamin-B1-Mangel. Die drei Kennzeichen sind gestörte Merkfähigkeit, Desorientierung und Konfabulationen.
Paramnesien sind Erinnerungstäuschungen, zum Beispiel das Déjà-vu (Neues wirkt vertraut) und das Jamais-vu (Vertrautes wirkt fremd). Einzelne Déjà-vus kennen auch Gesunde.
Prüfungsfalle
Konfabulation ist keine bewusste Lüge. Antworten wie „Der Patient täuscht absichtlich“ sind falsch.
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Welches Gedächtnis ist bei beginnender Demenz zuerst betroffen?
Die Merkfähigkeit, also das Behalten neuer Informationen.
Nenne die drei Kennzeichen des Korsakow-Syndroms.
Merkfähigkeitsstörung, Desorientierung und Konfabulationen.
Woche 1 · Lektion 6 von 12
Antrieb und Psychomotorik
Antrieb ist die Energie, mit der jemand Dinge anfängt und durchhält. Psychomotorik ist das, was du davon in Bewegung, Mimik und Sprache siehst.
| Begriff | Bedeutung | Typisch bei |
| Antriebsarmut | Wenig Energie und Initiative, von außen sichtbar | Depression, Negativsymptomatik der Schizophrenie, Demenz |
| Antriebshemmung | Die Person will, erlebt sich aber innerlich gebremst | Depression |
| Antriebssteigerung | Mehr Energie, viele Pläne, wenig Schlafbedürfnis | Manie |
| Motorische Unruhe | Ziellose, gesteigerte Bewegung, kann nicht still sitzen | Agitierte Depression, Angst, Entzug, Delir |
| Stupor | Starre, keine Reaktion bei erhaltenem Bewusstsein | Schwere Depression, Katatonie, dissoziativ |
| Mutismus | Sprechverweigerung oder Unfähigkeit zu sprechen | Katatonie, Depression, dissoziativ |
Weitere Begriffe aus der Katatonie solltest du kennen: Stereotypien (gleichförmige Wiederholung von Bewegungen oder Worten), Manierismen (verschrobene, gekünstelte Bewegungen), Negativismus (Tun des Gegenteils oder Widerstand gegen jede Aufforderung) und Katalepsie (Verharren in einmal eingenommener Haltung).
Warum der Antrieb bei Suizidalität zählt
Bei einer schweren Depression fehlt oft sogar die Kraft für einen Suizid. Kommt der Antrieb unter Behandlung zurück, bevor die Stimmung sich bessert, steigt das Risiko. Diesen Zusammenhang fragen Prüferinnen gern ab. Du lernst ihn in Block 4 genauer.
Prüfungsfalle
Antriebsarmut beschreibt die Beobachtung von außen, Antriebshemmung das innere Erleben der Blockade. In Fragen werden beide gern vertauscht.
Selbst abrufen
Was unterscheidet den Stupor von einem Koma?
Beim Stupor ist das Bewusstsein erhalten, im Koma nicht.
Warum kann ein steigender Antrieb bei Depression gefährlich sein?
Wenn der Antrieb vor der Stimmung zurückkehrt, kann die Person Suizidgedanken eher in die Tat umsetzen.
Woche 2 · Lektion 7 von 12
Formales Denken
Beim formalen Denken geht es um das Wie: Tempo, Ablauf und Zusammenhang der Gedanken. Was jemand denkt, gehört zum inhaltlichen Denken in der nächsten Lektion. Du erkennst formale Denkstörungen vor allem an der Sprache.
| Störung | So klingt es | Typisch bei |
| Denkhemmung | „Ich kann nicht denken, alles ist wie zäh.“ (subjektiv) | Depression |
| Denkverlangsamung | Lange Pausen, schleppendes Sprechen (von außen sichtbar) | Depression, organisch |
| Umständlichkeit | Viele Nebensächlichkeiten, das Ziel wird aber erreicht | Demenz, Epilepsie, Intelligenzminderung |
| Eingeengtes Denken | Kreist um ein Thema, kaum ablenkbar | Depression, Zwang |
| Perseveration | Haftet an Wörtern oder Antworten, die nicht mehr passen | Organisch, Demenz |
| Grübeln | Unablässiges Beschäftigtsein mit meist unangenehmen Themen | Depression |
| Gedankendrängen | „Die Gedanken rasen, ich kann sie nicht stoppen.“ | Manie, Schizophrenie |
| Ideenflucht | Springt von Einfall zu Einfall, Zusammenhang über Assoziationen noch erkennbar | Manie |
| Vorbeireden | Antwortet knapp neben der Frage, obwohl er sie verstanden hat | Schizophrenie, Ganser-Syndrom |
| Gedankenabreißen | Bricht mitten im Satz ab, findet nicht zurück | Schizophrenie |
| Zerfahrenheit (inkohärentes Denken) | Sätze ohne erkennbaren Zusammenhang, bis zum „Wortsalat“ | Schizophrenie (bei Bewusstseinstrübung: Delir) |
| Neologismen | Neu gebildete Wörter, deren Sinn nur der Sprecher kennt | Schizophrenie |
Ideenflucht oder Zerfahrenheit?
Diese Unterscheidung ist ein Prüfungsklassiker. Bei der Ideenflucht kannst du den Sprüngen folgen, wenn du genau hinhörst:
„Ich war beim Bäcker, Bäcker backen Brot, Brot und Spiele, die Römer hatten ja Spiele, ich spiele übrigens Klavier!“
Bei der Zerfahrenheit findest du keinen Faden mehr:
„Der Dienstag ist mir aus der Tasse gefallen, weil die Regierung grün atmet.“
Prüfungsfalle
Grübeln ist kein Zwang. Grübelgedanken werden nicht als sinnlos erlebt und nicht abgewehrt, Zwangsgedanken schon.
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Denkhemmung oder Denkverlangsamung: Was erlebt die Person, was beobachtest du?
Die Hemmung erlebt sie selbst. Die Verlangsamung siehst du von außen.
Welche formale Denkstörung ist typisch für Manie?
Die Ideenflucht, oft mit Gedankendrängen.
Woche 2 · Lektion 8 von 12
Inhaltliches Denken: Wahn, Zwang, überwertige Ideen
Jetzt geht es um das Was des Denkens. Drei Phänomene musst du sicher auseinanderhalten.
Wahn
Ein Wahn ist eine krankhafte Überzeugung. Nach Karl Jaspers hat er drei Merkmale:
- subjektive Gewissheit, ohne Zweifel,
- Unkorrigierbarkeit, auch durch Beweise und Erfahrung,
- Unmöglichkeit oder große Unwahrscheinlichkeit des Inhalts.
Jaspers 1913, Kapitel über die Wahnideen
Ein Wahn entsteht in verschiedenen Formen:
| Form | Bedeutung |
| Wahnstimmung | Unheimliche Stimmung, „irgendetwas ist im Gange“, oft am Anfang |
| Wahnwahrnehmung | Echte Wahrnehmung bekommt wahnhafte Bedeutung: „Der Nachbar hustet, also weiß er Bescheid.“ |
| Wahneinfall | Plötzliche wahnhafte Idee ohne Anlass: „Mir ist klar geworden, dass ich der Erlöser bin.“ |
| Wahnsystem | Viele Wahninhalte werden zu einem in sich geschlossenen Gebäude verbunden |
| Wahndynamik | Wie stark der Wahn die Person emotional bewegt und antreibt |
Die Themen geben Hinweise auf die Erkrankung. Verfolgungs- und Beziehungswahn kommen vor allem bei Schizophrenie vor. Größenwahn passt zur Manie. Bei schwerer Depression findest du einen Wahn, der zur Stimmung passt (synthym): Schuldwahn, Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn. Eifersuchtswahn ist bei Alkoholabhängigkeit bekannt.
Überwertige Idee
Eine Überzeugung, die das ganze Leben beherrscht und stark gefühlsbetont ist, aber nicht unmöglich. Beispiel: Jemand ist seit Jahren überzeugt, beim Erbe übervorteilt worden zu sein, und führt einen Prozess nach dem anderen. Die Idee ist nachvollziehbar, nur völlig übermächtig.
Zwang
Zwangsgedanken, Zwangsimpulse und Zwangshandlungen drängen sich auf. Der entscheidende Unterschied zum Wahn: Die Person erkennt sie als eigene Gedanken und hält sie selbst für unsinnig oder übertrieben. Sie versucht, sich dagegen zu wehren, und leidet darunter.
„Ich weiß, dass die Herdplatte aus ist. Trotzdem muss ich noch fünfmal nachsehen, sonst halte ich es nicht aus.“
Prüfungsfalle
Zwangsimpulse, etwa der Gedanke, das eigene Kind zu verletzen, werden fast nie ausgeführt. Weil die Person sie als fremd und abstoßend erlebt, sind sie kein Zeichen für Fremdgefährdung.
Selbst abrufen
Woran unterscheidest du Wahn und Zwang?
Beim Zwang erkennt die Person den Gedanken als eigenen und unsinnig an und wehrt sich. Beim Wahn ist sie von der Richtigkeit überzeugt.
Welche Wahnthemen sind typisch für schwere Depression?
Schuld, Verarmung und Krankheit (hypochondrischer Wahn).
Woche 2 · Lektion 9 von 12
Wahrnehmung
Drei Begriffe bilden die Grundlage.
- Illusion: Ein realer Reiz wird verkannt. Der Mantel am Haken wird im Dunkeln für einen Einbrecher gehalten.
- Halluzination: Wahrnehmung ohne äußeren Reiz, die für echt gehalten wird.
- Pseudohalluzination: Trugwahrnehmung, deren Unwirklichkeit die Person erkennt. Kommt zum Beispiel beim Einschlafen oder bei großer Erschöpfung vor.
Halluzinationen nach Sinnesgebiet
| Sinnesgebiet | Beispiel | Denke an |
| Akustisch: Stimmen | Stimmen kommentieren oder unterhalten sich über die Person | Schizophrenie, Alkoholhalluzinose |
| Akustisch: Akoasmen | Ungeformte Geräusche wie Klopfen, Rauschen | Schizophrenie, organisch |
| Optisch | Bilder, Gestalten, Szenen | Organisch: Delir, Drogen, Demenz mit Lewy-Körperchen |
| Taktil | Kleine Tiere krabbeln auf der Haut | Delirium tremens, Kokain |
| Olfaktorisch und gustatorisch | Gift im Essen gerochen oder geschmeckt | Schizophrenie, Epilepsie (Aura) |
| Leibhalluzination (Zönästhesie) | „In mir werden elektrische Ströme erzeugt.“ | Schizophrenie |
Merksatz: Stimmen sind typisch für Schizophrenie, Bilder typisch für organische Ursachen.
Alkoholhalluzinose
Eine Besonderheit bei langjährigem Alkoholkonsum: Die Person hört meist bedrohliche Stimmen, ist dabei aber bewusstseinsklar und orientiert. Das unterscheidet die Halluzinose vom Delirium tremens, das mit Bewusstseinstrübung, Desorientierung und meist optischen Halluzinationen einhergeht.
Prüfungsfalle
Bei neu auftretenden optischen Halluzinationen ist die richtige Antwort fast immer „körperliche Ursache abklären“, nicht „Schizophrenie“.
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Eine Frau sieht nachts Fremde im Zimmer und ist unruhig, tagsüber ist sie wieder klarer. Woran denkst du?
An ein Delir mit optischen Halluzinationen. Ärztliche Abklärung sofort.
Was unterscheidet Illusion und Halluzination?
Bei der Illusion gibt es einen realen Reiz, der verkannt wird. Bei der Halluzination fehlt jeder Reiz.
Woche 2 · Lektion 10 von 12
Ich-Störungen
Normalerweise erleben wir unsere Gedanken und Handlungen ganz selbstverständlich als unsere eigenen. Bei Ich-Störungen wird diese Grenze zwischen Ich und Umwelt durchlässig. Sie zählen zu den wichtigsten Hinweisen auf eine Schizophrenie.
| Störung | So schildern Betroffene es |
| Gedankeneingebung | „Diese Gedanken sind nicht meine, die werden mir eingepflanzt.“ |
| Gedankenentzug | „Mir werden die Gedanken weggenommen, plötzlich ist alles leer.“ |
| Gedankenausbreitung | „Alle können hören, was ich denke.“ |
| Fremdbeeinflussung (gemachte Gefühle, Handlungen, Willen) | „Meine Hand wird von außen gesteuert.“ |
| Depersonalisation | „Ich bin mir selbst fremd, wie ein Roboter.“ |
| Derealisation | „Alles um mich herum wirkt unwirklich, wie Kulisse.“ |
Depersonalisation und Derealisation sind weniger spezifisch. Sie kommen auch bei starker Angst, Panikattacken, nach Traumata, bei Erschöpfung und unter Drogen vor. Die anderen vier gelten als Symptome ersten Ranges der Schizophrenie.
Prüfungsfalle
Gedankenausbreitung ist eine Ich-Störung. Gedankenlautwerden ist eine akustische Halluzination: Die Person hört ihre eigenen Gedanken laut. Beide sind Symptome ersten Ranges, gehören aber in verschiedene Befundbereiche.
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Welche Ich-Störungen sind nicht spezifisch für Schizophrenie?
Depersonalisation und Derealisation.
„Die Leute im Bus wissen, was ich denke.“ Welche Ich-Störung?
Gedankenausbreitung.
Woche 2 · Lektion 11 von 12
Affektivität
Affektivität umfasst Stimmung, Gefühle und deren Ausdruck. Du beschreibst zwei Dinge: die Grundstimmung und die Art, wie Gefühle gezeigt und gesteuert werden.
Grundstimmung
- Deprimiert: niedergeschlagen, traurig. Depression.
- Hoffnungslos: keine Zukunft sehen. Wichtiges Warnzeichen für Suizidalität.
- Gefühl der Gefühllosigkeit: Leiden daran, nichts mehr zu fühlen. Schwere Depression.
- Euphorisch: gehobene, übersteigerte Stimmung. Manie, Drogen.
- Dysphorisch und gereizt: missmutig, schnell aufbrausend. Manie, organisch, Persönlichkeitsstörungen.
- Ängstlich, ratlos: Angst, beginnende Psychose. Ratlosigkeit ist oft das Gefühl, die Welt nicht mehr zu verstehen.
Steuerung und Ausdruck
| Begriff | Bedeutung | Typisch bei |
| Affektarmut, Affektverflachung | Kaum Gefühlsausdruck | Schizophrenie (Negativsymptom), Depression |
| Affektstarrheit | Stimmung bleibt gleich, egal worum es geht | Depression, Schizophrenie |
| Affektlabilität | Stimmung schwankt schnell | Organisch, Borderline, Manie |
| Affektinkontinenz | Gefühle brechen bei geringstem Anlass ungesteuert durch | Organisch, etwa vaskuläre Demenz |
| Parathymie | Ausdruck passt nicht zum Inhalt, etwa Lachen bei traurigem Thema | Schizophrenie |
| Ambivalenz | Widersprüchliche Gefühle gleichzeitig, quälend | Schizophrenie |
Prüfungsfalle
Affektlabilität heißt: Die Stimmung lässt sich noch steuern, schwankt aber. Affektinkontinenz heißt: Die Steuerung ist verloren gegangen. Bei Affektinkontinenz denkst du zuerst an eine organische Ursache.
Selbst abrufen
Welches affektive Symptom ist ein starkes Warnzeichen für Suizidalität?
Hoffnungslosigkeit.
Eine Frau lächelt, während sie vom Tod ihrer Mutter erzählt. Welcher Begriff?
Parathymie.
Woche 2 · Lektion 12 von 12
Symptome ersten und zweiten Ranges nach Schneider
Kurt Schneider hat in seiner „Klinischen Psychopathologie“ aus den Befundbereichen die Symptome zusammengestellt, die besonders stark auf eine Schizophrenie hinweisen. Diese Liste kommt in fast jeder Prüfung vor. Sie verbindet die Lektionen 2.2 bis 2.5.
| Symptome ersten Ranges | Befundbereich |
| Gedankenlautwerden | Wahrnehmung |
| Dialogische Stimmen (Rede und Gegenrede) | Wahrnehmung |
| Kommentierende Stimmen | Wahrnehmung |
| Leibliche Beeinflussungserlebnisse | Wahrnehmung, Ich-Erleben |
| Gedankeneingebung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung | Ich-Erleben |
| Gemachte Gefühle, Handlungen und Willensakte | Ich-Erleben |
| Wahnwahrnehmung | Inhaltliches Denken |
Symptome zweiten Ranges sind unter anderem sonstige Halluzinationen, Wahneinfall, Ratlosigkeit, depressive oder heitere Verstimmung und erlebte Gefühlsverarmung.
Wichtig für das Verständnis: Diese Symptome sind nur dann ein Hinweis auf Schizophrenie, wenn keine organische Ursache vorliegt. Ein Delir oder eine Drogenpsychose kann ganz ähnlich aussehen. In Block 3 lernst du, wie die ICD-10 diese Symptome für die Diagnose nutzt.
Eselsbrücke
Für die Symptome ersten Ranges hilft der Satz „Gedanken, Stimmen, Körper, Wahrnehmung“. Gedanken (laut, eingegeben, entzogen, ausgebreitet), Stimmen (dialogisch, kommentierend), Körper (leibliche Beeinflussung, gemachte Handlungen) und die Wahnwahrnehmung.
Prüfungsfalle
Der Wahneinfall gehört zum zweiten Rang, die Wahnwahrnehmung zum ersten. Diese beiden werden in Fragen häufig vertauscht.
Selbst abrufen
Zähle alle Symptome ersten Ranges auf, ohne nachzusehen.
Gedankenlautwerden, dialogische Stimmen, kommentierende Stimmen, leibliche Beeinflussungserlebnisse, Gedankeneingebung, Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, gemachte Gefühle und Handlungen, Wahnwahrnehmung.
Warum reicht ein Symptom ersten Ranges allein nicht für die Diagnose Schizophrenie?
Weil eine organische Ursache wie Delir, Drogen oder eine Hirnerkrankung ausgeschlossen sein muss.