KI und Technologie · 8 Min. · 31. Mai 2026

Das Brockovich-Prinzip

Ich habe meine Website mit KI gebaut, eine pragmatische Entscheidung. Das Hindernis zwischen den Ideen in meinem Kopf und dem Ergebnis auf dem Bildschirm war das Programmieren. KI hat es beseitigt. Werde ich dadurch abhängig? Nein, ich habe ein Werkzeug benutzt, der Code liegt in meinem Repository. Das klingt unspektakulär. Aber es ist der Ausgangspunkt für eine Frage, die sich durch alles Folgende zieht: Welche Kompetenzen brauchen Menschen, um dieses Werkzeug verantwortungsvoll einzusetzen?

Erin Brockovich hat eine neue Website über den ökologischen Fußabdruck von KI-Rechenzentren gestartet. Und wer KI durch die Linse des Ressourcenverbrauchs betrachtet, dem liegt der Tabak-Vergleich nahe. Intransparente Kosten, externalisierte Schäden, strukturelle Anreize gegen das Bewusstsein der Nutzenden. Das Muster wirkt auf den ersten Blick zwingend. Auf den zweiten verschwimmt es.

Warum? Tabak schadet durch den Konsum selbst. Die gesundheitliche Wirkung ist vom Produkt nicht zu trennen, egal wie sorgsam oder geschickt man raucht. Das mag absurd klingen, aber KI verhält sich genau umgekehrt. Dasselbe Modell kann Energieverschwendung produzieren oder Ressourceneinsparungen in einer Lieferkette optimieren. Ein vager Prompt, der fünf Runden der Nachbesserung braucht, kostet auch fünffach so viel wie ein präziser. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern eine Frage der Nutzung, und damit eine Frage professioneller Praxis.

Der Anreiz liegt woanders

Wer behauptet, Anbieter hätten kein strukturelles Interesse an Effizienz, übersieht, dass Inferenzkosten ihr mit Abstand größter Kostentreiber sind. Jede unnötige Anfrage kostet sie bares Geld. Deshalb investieren sie in kleinere Modelle, effizientere Architekturen, Caching, und etwa mit der Anthropic Academy in die Bildung ihrer Nutzenden. Vielleicht nicht aus Altruismus, sondern weil Effizienz langfristig ihre Margen verbessert.

Was meiner Meinung nach fehlt, ist etwas anderes. Bisher hat kein Anbieter ein Interesse daran gehabt, am Ort der Nutzung einen Kostenindikator sichtbar zu machen. Das ist der eigentliche Mechanismus: nicht mangelnde technische Effizienz, sondern fehlende Sichtbarkeit für die Nutzenden.

Sichtbarkeit allein löst das Ressourcenproblem nicht. Vier Jahrzehnte Nährwertkennzeichnung haben gezeigt, dass erklärtes Interesse an Information und tatsächliches Verhalten regelmäßig auseinanderfallen. Dennoch ist Transparenz ein wichtiger Baustein, wenn Menschen beginnen, sich mit neuen Technologien vertraut zu machen. Notwendig, aber nicht hinreichend.

Was das bedeutet

Ich glaube, das Brockovich-Prinzip würde die Ressourcenfrage, und mit ihr die Kostenfrage, als systemisches Problem rahmen. Individuelle Verantwortung geht in der Strukturkritik auf, und damit verlagert sich der Hebelpunkt weg von den Nutzenden. So betrachtet greifen beide Ansätze zu kurz: das Markt-Effizienz-Argument ebenso wie das Argument der Systemkritik.

Nutzungskompetenz ist eine zentrale Ressourcenfrage. Nicht weil das System es verlangt, sondern weil das Werkzeug variabel ist. Präzise zu arbeiten verbraucht weniger Ressourcen. Das ist keine moralische Aussage, das ist Rechenschaft.

Das richtige Modell für die richtige Aufgabe: das Microlearning, das dieses Argument in die Praxis überführt.

Und wer die Infrastruktur kontrolliert, entscheidet, ob diese Rechenschaft sichtbar wird oder nicht. „Open" in OpenAI ist inzwischen ein historisches Relikt. Die Frage, wessen Interessen diese Infrastruktur dient und wer künftig den Preis dafür zahlen wird, bleibt offen. Aber das ist nicht dieselbe Frage wie die nach einem Tabakkonzern, der seine Produkte auf Sucht optimiert hat. Es ist eine offenere Frage, und gerade deshalb eine schwerer zu beantwortende.

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